Ab jetzt nur noch gemeinsam: Zusammen Verantwortung übernehmen

Positionspapier des AcKerLAND (Arbeitskreis Ländliche Entwicklung der KLJB im Erzbistum Paderborn) – Download als pdf

Die Coronapandemie legt vielerorts Missstände frei: bei der gerechten Entlohnung von Arbeiter*innen in der Gesundheit und Pflege, bei der verantwortungsvollen Verteilung von Gütern in einer vernetzen Welt und auch beim Umgang von Schlachtunternehmen mit ihren Mitarbeiter*innen.

Zweifelhafte Arbeitsbedingungen, aber vor allem Lebensbedingungen, die den Arbeiter*innen ungenügend Schutz vor einer Ansteckung geboten haben. Arbeitgeber*innen und Unternehmer*innen, die sich ihrer Verantwortung für ihre Mitarbeiter*innen entzogen haben.
Die Infektionen rund um die Schlachtstraßen sind zu sogenannten Superspreadern1 geworden und drohten, der Auslöser für eine zweite Welle in Deutschland und den Heimatländern der Mitarbeiter*innen zu werden.

Wenn es jetzt nicht endlich Zeit ist, solchen menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen einen Riegel vorzuschieben, wann dann?

Aber: Jetzt mit dem Finger auf den oder die möglichen Schuldigen zu zeigen führt vielleicht zu schnellen Lösungen, jedoch nicht zu nachhaltigen Verbesserungen. Wie bei einer Krankheit bekämpfen wir so vielleicht die Symptome, die wahren Ursachen bleiben allerdings unter der Oberfläche.
Unfaire Arbeitsbedingungen, intransparente Preisfindungen und die Marktmacht sind nur einige von vielen Beispielen für eine notwendige Aufarbeitung. Ein Einzelhandel, der mit seiner provokativen Werbung den Preisverfall antreibt, fördert menschenverachtende Strukturen
und das nicht nur in der Fleischindustrie. Es gilt, den Tiefpreisen vom Stall bis zur Ladentheke, die von diesen Lockangeboten noch angeheizt werden, entgegenzuwirken.
Insbesondere das Preisdumping gefährdet Landwirt*innen, da der Verkaufspreis von Gütern unter den Herstellungskosten liegt. Supermärkte und Discounter regulieren den Preis, ohne Rücksicht auf Verluste der Erzeuger*innen und weiteren Akteur*innen in der Lieferkette. Die Hoffnung, dass uns diese Pandemie zu einem Umdenken veranlasst, begleitet uns schon seit ihrem Beginn. Für das Klima bringt sie Vorteile, da weniger geflogen wird, für die Umwelt, da weniger Emissionen aus Verbrennungsmotoren in unsere Luft geraten, für unsere Gesundheit, da die Luft klarer und der Lärm geringer ist. Von unserer sozialen Verantwortung, die durch diese Pandemie noch einmal deutlich wird, ist dabei aber noch nicht viel zu hören.

Deshalb fordern wir als KLJB im Erzbistum Paderborn faire Lieferketten2, ein weltweites Lieferkettengesetz3 und ein einheitliches Vorgehen, das die Verlagerung der Herstellung in das Ausland verhindert. Eine nationale Regelung beseitigt ein globales Problem nicht, sondern verlagert es nur außerhalb unserer Sichtweite und unserer Handlungsbefugnisse. Dabei kommt es auf alle an: Ein wertschätzender Umgang und faire Entlohnung von Mitarbeiter*innen in der Schlachtung und Verarbeitung müssen gegeben sein. Auch die Verantwortung in der Einkaufspolitik der Einzelhandelsunternehmen, am Verhandlungstisch und an der Fleischtheke sollte in den Vordergrund rücken. Wenn wir unser Zusammenleben fair, sozial- und umweltverträglich aufbauen wollen, dann müssen sich alle Unternehmen und auch wir als Verbraucher*innen unserer Verantwortung bewusst werden, um Lieferketten möglichst kurz und regional zu halten.

Deshalb ist es wichtig, dass gemeinsam Verantwortung übernommen wird. Von Erzeuger*innen, von Zuliefer*innen und von Verbraucher*innen. Jede*r Einzelne*r kann und sollte einen Beitrag leisten, damit zukünftig die Lebensmittelversorgung nachhaltig gesichert
wird. Dadurch sind bessere Tierwohlstandards einfacher zu ermöglichen. Gesetzliche Standards und Preise können dazu beitragen, dass wir unsere Verantwortung selbst wahrnehmen, damit die Produktion und die Verarbeitung nicht abwandert und somit unnötige Transporte vermieden werden. Neben Klima-, Umwelt- und Tierschutz hätten nachhaltigen Lieferketten das Potential einen entscheidenden Beitrag zu gemeinsamer Verantwortung und nachhaltiger Entwicklung zu leisten.

Auch Papst Johannes Paul II sprach sich gegen Mechanismen von stärker entwickelten Ländern aus, die in direkter oder indirekter Weise in die Wirtschaftsordnungen der weniger entwickelten Länder eingreifen. Er verurteilt vor allem die „ausschließliche Gier nach Profit“ und das „Verlangen nach Macht“ (vgl. Enzyklika „Solicitudo rei socialis“, 1987).

Wir müssen unsere Marktwirtschaft sozialer und fairer gestalten, um so allen Akteur*innen Chancengleichheit zu bieten, ungeachtet ihrer Größe.


1 Unter einem Superspreader versteht man in der Infektionsepidemiologie einen infizierten Organismus bzw. Wirt,

der seine Erkrankung an eine außergewöhnlich hohe Zahl anderer Individuen weitergibt.

2 Bei einer Lieferkette handelt es sich um mehrstufige, vor- und nachgelagerte Verbindungen zwischen
verschiedenen Unternehmen, die in Form eines Netzwerks von der Rohstoffgewinnung, über die
Veredelungsstufen bis hin zum Endverbraucher an der Wertschöpfung eines Produktes beteiligt sind.

3 Ein Lieferkettengesetz soll Unternehmen verpflichten oder in Haftung nehmen, die beschafften Vorleistungsgüter
oder Fertigerzeugnisse in allen Phasen ihrer Lieferkette auf etwaige umweltschädigende oder gegen die
Arbeitsbedingungen verstoßende Produktionsverfahren zurückzuverfolgen.